„Gut genug“ ist genau richtig – raus aus dem Perfektionismus in der Elternschaft

In meiner Praxis begegne ich häufig Müttern und Vätern, die alles richtig machen wollen – und sich dabei selbst verlieren. Sie lesen Ratgeber, vergleichen sich mit anderen Eltern und haben ständig das Gefühl, nicht genug zu sein. Doch genau dieser Anspruch, immer geduldig, liebevoll und konsequent zu handeln, kann enormen Druck erzeugen – und paradoxerweise oft dazu führen, dass Nähe und Gelassenheit in der Familie verloren gehen.

Der britische Psychoanalytiker Donald Winnicott hat bereits in den 1960er-Jahren ein Konzept entwickelt, das heute aktueller ist denn je: die Idee der „good enough mother“ – auf Deutsch: der „hinreichend guten Mutter“, oder allgemeiner, des „gut genug“ erziehenden Elternteils.

Was bedeutet „gut genug“ wirklich?

„Gut genug“ zu sein bedeutet nicht, sich weniger Mühe zu geben. Es bedeutet, realistisch und menschlich zu erziehen. Eltern dürfen Fehler machen, überfordert sein, ungeduldig reagieren – solange sie im Kontakt bleiben, ihre Kinder wahrnehmen und nach einem Bruch wieder Verbindung herstellen.

Kinder brauchen keine makellosen Eltern. Sie brauchen Menschen, die verlässlich, authentisch und emotional verfügbar sind – und die ihnen zeigen, dass Beziehungen auch kleine Krisen überstehen können.

Die Grundprinzipien der „guten Mutter“ nach Winnicott

  • Einstimmung mit Grenzen: Eltern spüren die Bedürfnisse ihrer Kinder, ohne ihre eigenen dabei aufzugeben.
  • Überschaubare Enttäuschungen: Kinder dürfen Frustrationen erleben – das stärkt ihre Resilienz.
  • Authentische Präsenz: Wirklich präsent zu sein ist wichtiger, als perfekt zu handeln.
  • Reparatur nach Brüchen: Wenn etwas schiefläuft, hilft eine ehrliche Entschuldigung mehr als Schuldgefühle.
  • Mit dem Kind wachsen: Eltern dürfen sich weiterentwickeln – gemeinsam mit ihrem Kind.

Diese Haltung bringt Entlastung in den Familienalltag. Sie reduziert den inneren Druck, alles „richtig“ machen zu müssen, und schafft Raum für Spontaneität, Humor und echte Begegnung.

Warum „gut genug“ Kinder stark macht

Kinder, die in einem „gut genug“-Umfeld aufwachsen, entwickeln ein stabiles Selbstwertgefühl. Sie lernen, mit Enttäuschungen umzugehen, sich selbst zu beruhigen und Vertrauen in Beziehungen zu haben. Sie spüren: Ich bin geliebt – auch wenn ich Fehler mache. Und das ist eine der wichtigsten Botschaften, die Eltern ihren Kindern mitgeben können.

Auch für Eltern selbst hat dieser Ansatz heilende Wirkung. Wer sich erlaubt, nicht perfekt zu sein, spürt oft, wie Anspannung und Schuldgefühle nachlassen. Es entsteht Raum für Selbstmitgefühl, für Pausen, für das eigene Leben – und genau das stärkt wiederum die Beziehung zum Kind.

Allen die tiefer in das Thema eintauchen wollen empfehle ich folgende Bücher: